Bauwelt

n 42 / 7. November 1997

 

 

 

Richard Klein :

Die Moderne im Abseits.

Robert Mallet-Stevens in Croix (page 2386)

 

Den mondänen Wohnsitz ließ sich Paul Cavrois, ein Industrieller aus der Textilbranche, 1929-32 im nordfranzösischen Städtchen Croix errichten. 1986 war der Bau an der Avenue Kennedy noch in einem sehr guten Zustand. Heute ist die leerstehende Villa ernsthaft gefährdet. Die "Association de sauvegarde de la villa Cavrois" bemüht sich mit zahlreichen Architekten aus aller Welt um ihre Rettung.

Das Interieur und die Gartenanlage sind schon verloren. Ein Immobilienhändler, der die inzwischen denkmalgeschützte Villa aufkaufte, wiIl weiterhin erreichen, das Terrain zu parzellieren. Alle Bauanträge wurden bisher abgewiesen.

Foto: Marc Detiffe, Lille

 

 

Richard Klein :

Die Moderne im Abseits

Die Villa Cavrois von Robert Mallet-Stevens

 

Die kleine Stadt Croix, in der Nähe des nordfranzösischen Roubaix und im Einzugsgebiet von Lille gelegen, besteht zum einen aus Villenvierteln, die aus der Aufteilung ehemals großer Besitztümer hervorgegangen sind, und zum anderen aus einer durch die industrielle Entwicklung entstandenen Arbeitersiedlung. Mehrere Gründe sprechen dafür, daß die Stadt den Fragen der Erhaltung architektonischer Kulturgüter des 20. Jahrhunderts nicht gleichgültig gegenüberstehen kann. In Croix befinden sich das Haus Delcourt (1968-1969), das letzte realisierte Projekt von Richard Neutra, sowie die Villa Cavrois (1929-1932), das letzte von Robert Mallet-Stevens entworfene Privathaus.

Der Auftraggeber Paul Cavrois, ein Industrieller aus der Textilbranche, wählte als Standort für sein künftiges Haus ein Gelände im Viertel Beaumont. 1929 betraute er Robert Mallet-Stevens mit der Projektierung eines großzügigen Wohnsitzes sowie des umgebenden Parks und wurde so zu einem der wenigen französischen Mäzene der modernen Architektur.

Die 1932 eingeweihte Villa findet nach ihrer Fertigstellung großen Anklang in der nationalen und internationalen Fachpresse. Kritiker und Kommentatoren heben die Verwandtschaft mit dem Palais Stoclet, das zwischen 1905 und 1911 von Josef Hoffmann in Brüssel gebaut wurde, aber auch mit der Architektur von Frank Lloyd Wright, insbesondere jedoch mit dem Rathaus in Hilversum (1928-1930) von Willem Marinus Dudok, dessen Einfluß auf Mallet-Stevens sicherlich der direkteste war, hervor. Die Verwendung von gelben Blendziegeln zeigt deutlich Mallet-Stevens' Affinität zu den Arbeiten der modernen belgischen und holländischen Architekten, deren Architektursprache er subtil mit der französischen Tradition des Villenbaus zu verbinden wußte. Die Zeitspanne vom Entwurf bis zur Vollendung der Villa Cavrois entspricht genau der Zeit von der Gründung bis zur produktivsten Phase der Union des Artistes Modernes, zu deren Hauptakteuren Mallet-Stevens gehörte. Die Inneneinrichtung, ganz besonders das Mobiliar, ist exemplarisch für die vom Architekten intendierte Beziehung zwischen Dekor und architektonischem Raum. Die hohe Qualität des Bauwerks scheint ihm dennoch kein Glück gebracht zu haben. Nachdem das "Schiff Cavrois" (diese Bezeichnung erhielt die Villa aufgrund ihrer riesigen Ausmaße und ihrer schiffsartigen Gestalt; später dann wurde sie von den Verfechtern einer "gefälligeren" Ästhetik "die gelbe Gefahr" genannt) zehn Jahre Iang in seinem Originalzustand bewahrt worden war, wurde es nach dem Krieg von dem Architekten Pierre Barbe umgebaut. Er führte eine Reihe von Raumteilungen durch, mit denen or auf die Bedürfnisse der inzwischen vergrößerten Familie Cavrois einging.

Seit 1986 ist der Bau ernsthaft gefährdet. Nach dem Tod von Frau Cavrois wurde die Villa zum Verkauf angeboten, leider zeigten sich jedoch die Behörden, an die die Nachfahren des Besitzers sich zunächst wandten, nicht interessiert. Ein großer Teil des Mobiliars, einschließlich der Einbaumöbel, wurde verteilt oder verkauft, anschließend kam die Villa in den Besitz eines Immobilienunternehmens, das den Plan verfolgte, den Park zu parzellieren. Mehrere der gestellten Bauanträge wurden abgewiesen, allerdings ohne daß die Existenz der Villa bei den Einwänden eine Rolle gespielt hätte. Da die Villa leerstand, sorgten häufige "Besichtigungen" und schließlich systematische Plünderungen dafür, daß die Innenräume verwüstet wurden. Das Mauerwerk verfiel, da Decksteine der Mauern verschwanden, die Abdichtungen durchlässig wurden, die Verblendung abfiel und Fensterscheiben zerstört wurden.

Der Staat reagiert schließlich, indem er Ende 1990 die Villa unter Denkmalschutz stellt - gegen den Wunsch des Eigentümers. Von mehreren öffentlichen Einrichtungen, die sich für den Kauf des Gebäudes interessieren, werden verschiedene Nutzungskonzepte vorgeschlagen, aber bei den Verhandlungen scheitern sie alle an den Forderungen des Eigentümers. Daraufhin muß die Villa sogenannte "Schutzmaßnahmen" über sich ergehen lassen: Zunächst werden die Türen und Fenster mit Steinen vermauert, dann mit Stahlplatten verschlossen, und schließlich wird um den Bau auch noch ein Zaun gezogen, der nach oben mit Stacheldraht abschließt. Diese "Schutzrmaßnahmen" erfolgen nach dem Eindringen von "Altmaterialsammlern", deren Verständnis von "Recycling" erst kürzlich auch das Kupfer der Elektrokabel und die gußeisernen Teile der Heizkörper zuin Opfer fielen. Da der Verfall der Villa zur Strategie des Eigentümers zu gehören scheint, beschließt der Staat endlich, die Mittel, die ihm das Denkmalchutzgesetz von 1913 gewährt zur Anwendung zu bringen. Am 9. September 1996 ergeht ein Bescheid der oberen Denkmalschutzbehörde mit der Aufforderung an den Eigentümer, die zum Erhalt der Villa notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Diese Maßnahmen, die - so der Eigentümer ihre Durchführung verweigert -von Amts wegen ergriffen werden müssen, scheinen ein erster Schritt zu einem Enteignungsverfahren zu sein. Der Bescheid wird dem Eigentümer jedoch erst im März 1997 zugestellt.

 

Die verlassene Villa Cavrois von Robert Mallet-Stevens, wie sie sich heute dem Besucher zeigt.

Um Zerstörungen und weitere Plünderungen des Interieurs zu verhindern, wurden Fenster und Türen zugemauert oder mit Stahlplatten versehen.

Der Grundriß von Mallet-Stevens im Maßstab 1:500 und das historische Foto vom Entree mit den ,"boites à lumière" wurden 1934 in "Une Demeure" bei den éditions de l'Architecture d'Aujourd'hui, Paris, veröffentlicht.

Fotos: Karine Miette/Tandem, Thumeries

 

Kürzlich antwortete der Präfekt des Departements Nord auf die Frage eines der wenigen um die Zukunft des Bauwerks bekümmerten Abgeordneten : "Die Villa ist tatsächlich in einem Zustand, der einiges zu wünschen übrig läßt, so daß wir bereits um ihr Überleben fürchteten. Zum Glück hat aber das Kulturministerium sehr entschlossen die Initiative ergriffen und den Eigentümer im März 1997 aufgefordert, die dringend notwendigen Maßnahmen durchzuführen, und ihm dabei eine staatliche Beteiligung an den Kosten von 50 Prozent angeboten. Wie zu erwarten war, hat der Eigentümer von seinem Recht Gebrauch gemacht und diese Maßgabe vor dem Verwaltungsgericht angefochten. Dies hat aufschiebende Wirkung, die Gegenäußerung der Behörden wird jedoch bereits verfaßt. Ein vom Verwaltungsgericht berufener Sachverständiger wird die Kosten für die Arbeiten an der Villa ermitteln. Die Dinge scheinen sich nun zum Besseren zu wenden, denn das Pförtnerhaus wurde bereits ohne Subventionen, aber unter der Kontrolle der Denkmalschutzbehörde restauriert. Für 1998 ist nach dem gleichen Verfahren der gleiche Umfang an Arbeiten geplant, so daß im Prinzip - das Einverständnis des Verwaltungsgerichts vorausgesetzt - die Rettungsarbeiten an der Villa abgeschlossen werden könnten."

Die beschwichtigenden Worte des Staatsvertreters zeigen die Einzelheiten des Verwaltungsverfahrens auf, sie überbewerten aber die Restaurierung des kleinen Pförtnerhauses. Es stellt sich nämlich die Frage, inwieweit diese, obwohl sie von allen Seiten als ein positiver Anfang gesehen wird, vor dem Hintergrund des laufenden Gerichtsverfahrens nicht mehr ist als ein nach außen gerichteter Akt guten Willens und lediglich dem Zweck dienen soll, dem Eigentümer den Verbleib auf dom Grundstück zu sichern. Wenn man jedenfalls die Äußerungen des Anwalts des Eigentümers liest, die unter Inanspruchnahme des Rechtes auf Gegendarstellung in der Presse verbreitet wurden, dann wird der Fall der Villa juristisch erst recht relevant. Der Rechtsanwalt zitiert dort aus der Voruntersuchung der Denkmalschutzbehörde indem er die "dem Bauwerk inhärenten Mängel" zur Rechtfertigung der Zerstörungen während der letzten zehn Jahre heranzieht. Wer den relativ guten Zustand der Villa im Jahr 1986 kennt, weiß, daß es sich dabei um eine skandalöse Verkehrung der Tatsachen handelt.

Die angeblichen Mängel werden hier benutzt, um ein Bauwerk bewußt verkommen zu lassen, das als eines der Meisterwerke der Architektur des 20. Jahrhunderts gilt. Es ist nicht bekannt, ob der erwähnte Bericht grundlegende Maßnahmen empfiehlt, wie etwa das Entfernen der Bäume, die man aus Nachlässigkeit auf den Terrassen hat wachsen lassen und die dort beträchtliche Schäden verursachen, oder den wirksamen Schutz der Villa vor Plünderungen oder die Wiederanbringung der verschwundenen Decksteine, deren Fehlen die Duchlässigkeit der Dichtungsschichten beschleunigte und zur Ablösung zahlreicher Verblendziegel führte. Diese Gleichgültigkeit und der Mangel an kultureller Sensibilität scheinen von einer eher düsteren Zukunft für das Bauwerk zu künden. Ein krasser Gegensatz zu den damaligen Vorstellungen des Architekten: "Ein Heim für eine große Familie. Ein Heim führ eine Familie im Jahre 1934: Luft, Licht, Arbeit, Sport, Hygiene, Komfort. Das war der Auftrag..."

Aus dem Französischen: Ute Dietrich

 

 

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